Am 1. November 2006 begann in Wien mit der Gründung des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB) ein neues Kapitel in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Die neue Organisation entstand mit dem Ziel, eine stärkere und geeinte globale Stimme zu schaffen, um die Rechte der Arbeitnehmer:innen weltweit zu vertreten und zu verteidigen.
Ich hatte die Verantwortung, diesen Prozess als Sekretär für internationale Beziehungen des argentinischen Gewerkschaftsbundes Central de Trabajadores de la Argentina (CTA) mitzugestalten. Für uns hatte diese Erfahrung eine besondere Bedeutung: Wir gehörten zu den sechs unabhängigen Gewerkschaftsdachverbänden, die sich am Aufbau der neuen Weltorganisation beteiligten.
Wir kamen nicht nach Wien, ohne zuvor selbst Erfahrungen mit den Auseinandersetzungen innerhalb der internationalen Gewerkschaftsbewegung gemacht zu haben. Wir brachten unsere eigene Identität mit, unsere in Argentinien im Widerstand gegen den Neoliberalismus gewachsenen Erfahrungen und die Überzeugung, dass Unabhängigkeit, Gewerkschaftsfreiheit und neue Formen der Beteiligung der Arbeitnehmer:innen grundlegende Prinzipien jedes Einigungsprojekts sein müssen.
Deshalb bietet das 20-jährige Bestehen des IGB nicht nur Gelegenheit, an ein historisches Datum zu erinnern. Es lädt uns auch dazu ein, über die Entscheidungen nachzudenken, die diesen Zusammenschluss ermöglicht haben, über die Herausforderungen, denen wir uns stellen mussten, und über die Verantwortung, die die internationale Gewerkschaftsbewegung auch in Zukunft trägt.
Eine Einheit, die nicht von heute auf morgen entstand
Die Gründung des IGB war das Ergebnis eines langen historischen Prozesses. Über Jahrzehnte hinweg war die internationale Gewerkschaftsbewegung von den politischen und ideologischen Spaltungen des Kalten Krieges geprägt.
1945 wurde der Weltgewerkschaftsbund (WGB) gegründet, 1949 folgte der Internationale Bund Freier Gewerkschaften (IBFG). Daneben bestand der Weltverband der Arbeitnehmer (WVA), dessen Wurzeln bis zur christlichen Gewerkschaftsbewegung des Jahres 1920 zurückreichen. Auch die europäischen Gewerkschaften mit ihrer sozialdemokratischen Ausrichtung übten großen Einfluss aus. Jede dieser Organisationen hatte ihre eigene Organisationskultur und ihre eigenen Formen der Einflussnahme auf internationaler Ebene entwickelt.
Das Ende des Kalten Krieges veränderte diese Ausgangslage, führte jedoch nicht automatisch zur Einheit. Es bedurfte jahrelanger Gespräche, Verhandlungen und der Erarbeitung gemeinsamer Positionen, um zu erkennen, dass die Veränderungen in der Weltwirtschaft eine neue gewerkschaftliche Antwort erforderten.
Die Globalisierung veränderte die Produktionsverhältnisse grundlegend. Multinationale Unternehmen weiteten ihre Aktivitäten über nationale Grenzen hinweg aus, Lieferketten nahmen globale Dimensionen an, und wirtschaftspolitische Entscheidungen in einem Land wirkten sich auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen in vielen anderen Ländern aus.
Angesichts dieser Realität musste sich die Gewerkschaftsbewegung die Frage stellen, wie Arbeitnehmer:innenrechte in einer Welt verteidigt werden können, in der sich das Kapital global organisieren kann, während Arbeitnehmer:innen weiterhin auf enorme Hindernisse stoßen, wenn sie ihre Kämpfe über nationale Grenzen hinweg koordinieren wollen.
Die internationale Einheit war damit nicht länger nur ein historisches Ziel. Sie wurde zu einer konkreten Notwendigkeit.
Der Beitrag der CTA zu einer neuen Etappe
Die Beteiligung der CTA an der Gründung des IGB hatte eine besondere Bedeutung, die hervorgehoben werden sollte. Der neue Gewerkschaftsbund entstand nicht ausschließlich durch die Entscheidung des IBFG und des WVA, sich aufzulösen und in einer gemeinsamen Organisation aufzugehen. Er integrierte auch Gewerkschaftsdachverbände, die keiner dieser beiden Organisationen angehört hatten, und erweiterte damit die Repräsentationsbasis der weltweiten Gewerkschaftsbewegung.
Die Teilnahme der CTA verdeutlichte, wie wichtig es war, auch anderen gewerkschaftlichen Erfahrungen mit ihren eigenen Entwicklungen und Identitäten die Möglichkeit zu geben, sich an diesem Aufbauprozess zu beteiligen.
Ausgehend von unserem eigenen Selbstverständnis waren wir überzeugt, dass die Solidarität zwischen Arbeitnehmer:innen zu einer stärkeren Fähigkeit führen müsse, auf globale Debatten Einfluss zu nehmen, gewerkschaftliche Kämpfe in anderen Ländern zu unterstützen und Arbeitnehmer:innenrechte gegenüber internationalen Institutionen zu verteidigen.
Der Aufbau einer Weltorganisation sollte weder die bestehenden Unterschiede verwischen noch bedeuten, dass die einzelnen Gewerkschaftsdachverbände ihre Unabhängigkeit aufgeben müssten. Vielmehr bestand die Herausforderung darin, Gemeinsamkeiten zu finden und die kollektive Handlungsfähigkeit zu stärken.
In Wien kam dieser gemeinsame Wille zum Ausdruck. Das Motto, das die Gründung des IGB begleitete, „Gemeinsam sind wir stark“, brachte eine Überzeugung auf den Punkt, die bis heute gilt: Angesichts grenzüberschreitender Probleme muss auch die gewerkschaftliche Antwort international sein.
Zwanzig Jahre später: neue Herausforderungen
Seit 2006 hat sich die Arbeitswelt tiefgreifend verändert. Die Digitalisierung, die künstliche Intelligenz, die Ausbreitung der Plattformarbeit und die Neuorganisation globaler Produktionsketten stellen die Gewerkschaften vor Herausforderungen, die damals gerade erst ansatzweise erkennbar waren.
Gleichzeitig bestehen prekäre Beschäftigungsverhältnisse, informelle Arbeit und Ungleichheiten nicht nur fort, sondern haben auch zugenommen. Hinzu kommen anhaltende Schwierigkeiten, die tatsächliche Ausübung der Gewerkschaftsfreiheit und das Recht auf Kollektivverhandlungen sicherzustellen.
Der technologische und wirtschaftliche Wandel zwingt die Gewerkschaften dazu, neue Formen der Interessenvertretung zu entwickeln, um alle arbeitenden Menschen zu erreichen und ihre Rechte zu verteidigen.
Diese Veränderungen erfordern auch eine Stärkung der internationalen Zusammenarbeit. Kein Gewerkschaftsdachverband, so mächtig er im eigenen Land auch sein mag, kann Herausforderungen im Zusammenhang mit multinationalen Unternehmen, globalen Lieferketten oder wirtschaftlichen Entscheidungen, die sich über verschiedene Rechtsordnungen hinweg auswirken, allein bewältigen.
Deshalb müssen wir uns 20 Jahre nach der Gründung des IGB erneut mit der Bedeutung der damaligen Entscheidung auseinandersetzen. Internationale Einheit lässt sich nicht allein an der Zahl der Mitgliedsorganisationen oder an der Größe der von einem Gewerkschaftsbund vertretenen Arbeitnehmer:innenschaft messen. Sie bemisst sich auch an seiner Fähigkeit, gemeinsame Aktionen zu koordinieren, jene zu verteidigen, deren Rechte verletzt werden, und zum Aufbau gerechterer Arbeitsbeziehungen beizutragen.
Einheit als dauerhafte Aufgabe
Wir, die wir an diesem Prozess beteiligt waren, wissen, dass die Einheit keine zwangsläufige Folge der internationalen Veränderungen war. Sie war eine politische und gewerkschaftliche Entscheidung, getragen vom gemeinsamen Willen jener Organisationen, die erkannt hatten, dass es notwendig war, ein gemeinsames Instrument zu schaffen.
Diese Erfahrung hat uns eine Lehre hinterlassen, die bis heute nichts an Gültigkeit verloren hat: Einheit bedeutet nicht, dass alle gleich denken müssen, sondern dass wir die Fähigkeit entwickeln, gemeinsam zu handeln, wenn die Rechte und Interessen der Arbeitnehmer:innen auf dem Spiel stehen.
Heute, in einer Welt, die von wirtschaftlichen Spannungen, internationalen Konflikten und neuen Formen der Ungleichheit geprägt ist, trägt die Gewerkschaftsbewegung die Verantwortung, dieses Bekenntnis zur Einheit zu erneuern.
An die Gründung des IGB zu erinnern, bedeutet daher weit mehr, als ein Jubiläum zu begehen. Es bedeutet, sich eine gemeinsame historische Erfahrung wieder ins Bewusstsein zu rufen.
Zwanzig Jahre nach Wien bleibt die internationale Gewerkschaftseinheit ein notwendiges gemeinsames Projekt. Nicht als Erinnerung daran, was wir einst gemeinsam erreichen konnten, sondern als Verpflichtung gegenüber all dem, was wir noch gemeinsam erreichen müssen.




