Ich hatte das riesige Privileg, die Arbeitnehmer aus Aotearoa (Neuseeland) bei der International Trade Union School Austria (ITUSA) 2026 zu vertreten. Die ITUSA ist ein zehntägiges Intensivtraining für junge Gewerkschafter, das gemeinsam vom Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB) und dem Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) auf die Beine gestellt wird – dem österreichischen Gegenstück zu unserem neuseeländischen Gewerkschaftsdachverband (NZCTU). Die ITUSA bringt Gewerkschafter aus der ganzen Welt zusammen, um den Nachwuchs fit zu machen – mit einem prall gefüllten Programm rund um Organisationsarbeit (Organising), Kampagnen und Leadership.
Die ITUSA war nicht nur extrem lernintensiv, sondern hat auch unglaublich viel Spaß gemacht und zusammengeschweißt. Ich bin mit einem völlig frischen Blick auf meine eigene Rolle in der Bewegung nach Hause gekommen – und mit noch mehr Respekt vor der Arbeit, die vor uns liegt.
Ich arbeite als festangestellte Juristin bei E tū, Neuseelands größter Gewerkschaft für den privaten Sektor. Klar könnte man denken, dass Juristenkram und echte Basisarbeit (Organising) zwei verschiedene Welten sind. Anwälte gehören schließlich vor Gericht und nicht auf ein Gewerkschaftscamp, oder? Ich sehe das komplett anders.
Wenn du als Gewerkschaftsanwältin deinen Job richtig gut machen willst, musst du kapieren, wie Basisarbeit funktioniert. Das ist das Herzstück von allem. Natürlich verbringe ich einen Großteil meiner Zeit damit, Leute vor Schlichtungsstellen und Gerichten zu vertreten, aber die rechtliche Vertretung ist nur ein Teil vom Ganzen. Mein Job als Gewerkschaftsanwältin ist nicht bloß, Fälle zu gewinnen – es geht darum, den Arbeitnehmern echte Macht zu verschaffen.
Ein Konzept von der ITUSA hat bei mir richtig geknallt: der „Ground and Air“-Ansatz. „Ground“ (Boden) ist die harte Arbeit an der Basis: die Einzelgespräche, der Einsatz direkt im Betrieb, die Ausbildung von Betriebsräten und der Austausch mit den Mitgliedern. So entsteht echte Gemeinschaftspower. „Air“ (Luft) ist der Hebel nach oben: strategische Klagen, politische Lobbys, öffentliche Kampagnen und Bündnisse, die den Entscheidungsträgern richtig Dampf machen. Du brauchst absolut beides. Eins allein reicht nicht. Die besten Kampagnen sind die, die beides perfekt verbinden.
Als Anwältin bin ich natürlich meistens in der „Luft“ unterwegs – also mitten in Rechtsstreitigkeiten, die hoffentlich weit über den einzelnen Betrieb hinaus was bewegen. Die ITUSA hat mich aber daran erinnert: Ich muss immer die Bodenhaftung behalten. Strategische Klagen bringen nur dann was, wenn sie auch die Basis stärken. Ein Urteil allein verändert noch kein Machtgefüge. Echtes Umdenken passiert erst, wenn Klagen den Weg für gemeinsame Aktionen ebnen und größere Kampagnen unterstützen.

„Wie baut man die perfekte Gewerkschaft auf?“
Der bahnbrechende Fall zur Lohngleichheit von Kristine Bartlett, den E tū durchgefochten hat, ist das beste Beispiel dafür. Dieser Fall wurde Teil einer riesigen Bewegung, die aufgedeckt hat, wie extrem Frauenarbeit systemisch unterbezahlt wird – und das hat Türen für Lohngleichheits-Klagen in ganz Neuseeland geöffnet. Es hat gezeigt, was möglich ist, wenn man strategische Klagen mit geiler Basisarbeit, guten Kampagnen und konstantem Druck kombiniert. Ich war richtig stolz, als der Fall bei der ITUSA als Best-Practice-Beispiel gezeigt wurde.
Richtig genial war es auch, mich mit anderen Gewerkschaftsanwältinnen wie Shivalika aus Indien und Mabe aus Ecuador zu connecten (Bild unten). Wir haben am Ende immer wieder über dieselben Themen geredet: repressive Regierungen und wie verdammt nochmal mehr Gewerkschaftsjuristen gebraucht werden. Andere Länder, aber dieselben Probleme – und derselbe Biss, die Kisten zu gewinnen!

Siege feiern und Probleme anpacken
Eines der stärksten Dinge an der ITUSA war die Zeit mit den anderen jungen Gewerkschaftern aus Afrika, Asien-Pazifik, Europa und Lateinamerika (ich habe mich einfach komplett verstanden gefühlt – if you know, you know!).
Wir haben über das bittere Thema gesprochen, dass immer weniger Leute in Gewerkschaften sind, dass Tarifverhandlungen sabotiert werden, dass die Reichen immer unverschämter reicher werden und dass rechte Politik versucht, Gewerkschaften plattzumachen und Arbeitnehmerrechte auszuhöhlen. Egal welcher Kontinent: Wir stellen uns alle dieselben Fragen. Wie kriegen wir wieder Macht in eine Welt, in der das Geld extrem einseitig verteilt ist? Wie organisieren wir uns dort, wo man uns Steine in den Weg legt? Und wie nehmen wir die junge Generation mit?
Diese Gespräche haben mir wieder gezeigt, wie wichtig internationale Solidarität ist. Arbeitgeber agieren schließlich auch global. Die lernen voneinander, wie man Gewerkschaften fertigmacht, und kopieren diese miesen Tricks weltweit. Der Kapitalismus kennt eben keine Grenzen!
Damit wir uns wehren können, müssen wir voneinander lernen, gute Ideen teilen und uns gegenseitig den Rücken stärken, wenn Arbeitnehmer angegriffen werden. Genau deshalb müssen wir uns weltweit vernetzen.

Österreich war genau der richtige Ort für diese Gespräche. Es zeigt nämlich super, was die Arbeiterbewegung erreichen kann, wenn starke Institutionen hinter ihr stehen – und umgekehrt. Fast 98 % aller österreichischen Arbeitnehmer sind durch Kollektivverträge geschützt (für uns Gewerkschafter klingt das wie das absolute Schlaraffenland!). Dazu kommt, dass jeder Beschäftigte Mitglied in der Arbeiterkammer (AK) ist und einen kleinen Beitrag zahlt. Zusammen mit dem ÖGB gibt die Kammer den Beschäftigten eine gewaltige Stimme. Und als fettes Extra gab es beim Kurs in Österreich noch Aussichten wie diese hier:

Für mich als neuseeländische Gewerkschafterin war das wie eine Reise in ein Paralleluniversum nach dem Motto: „Was wäre gewesen, wenn wir damals einen anderen Weg gegangen wären?“ Vor dem Employment Contracts Act von 1991 waren branchenweite Tarifverträge auch bei uns in Aotearoa Standard. Die Wende hin zu extrem individualisierten Verträgen hat das Machtverhältnis völlig zu Gunsten der Chefs verschoben – und sorgt bis heute dafür, dass immer weniger Leute tariflich abgesichert sind.
In Österreich zu sein (mal abgesehen davon, dass der Laden unfassbar instagrammable ist), war eine Riesenchance, von der Geschichte eines anderen Landes zu lernen. Es hat mir wieder gezeigt: Wenn wir hart erkämpfte Rechte nicht beschützen, sind sie weg. Und was alles möglich ist, wenn wir dranbleiben. All diese Schutzrechte fallen nicht vom Himmel, sondern sind das Ergebnis von harten Kämpfen. Und genauso schnell, wie man sie aufbaut, können sie auch wieder eingerissen werden.
Wir sehen diese Aushöhlung bei uns in Aotearoa gerade live und in Farbe. Dass Regelungen zur Lohngleichheit einfach ohne Rücksprache gestrichen wurden, dass die 90-Tage-Testphasen wieder da sind und das Arbeitsrecht an vielen Ecken aufgeweicht wird – das geht alles in dieselbe Richtung. Auch die geplanten Reformen beim Urlaubs- und Arbeitsschutzgesetz zeigen klar: Macht wird von den Beschäftigten weg verlagert. Rechte, für die man Jahrzehnte gekämpft hat, können in ein paar Monaten flöten gehen, wenn wir nicht aufpassen.

Für mich ist internationale Solidarität keine Floskel, sondern geht mir richtig nahe.
Ich bin auf den Philippinen geboren und mit meiner Familie nach Aotearoa ausgewandert. Durch meine Arbeit bei Orgas wie Migrante Aotearoa und Gabriela Aotearoa bin ich immer noch eng mit den Kämpfen auf den Philippinen verbunden. Und glaubt mir: Dort Gewerkschafter zu sein, ist eine ganz andere Hausnummer als hier. In meiner Heimat wirst du ruckzuck als „Rot“ (Red-Tagging) abgestempelt – also als Terrorist oder Staatsfeind gebrandmarkt –, nur weil du Arbeiter organisierst oder dich für soziale Gerechtigkeit einsetzt. Überwachung, Schikane und Bedrohungen gehören zum Alltag. Gewerkschafter werden entführt oder sogar umgebracht.

Diese Härte erinnert mich jeden Tag daran, dass wir unsere Rechte in Aotearoa niemals als selbstverständlich ansehen dürfen. Wenn andere ihr Leben riskieren, um Arbeiterrechte zu verteidigen, haben wir hier in unserer relativen Sicherheit verdammt nochmal die Pflicht, laut, mutig und kompromisslos für die Leute einzustehen.

Besuch im Stahlwerk
Mich nach meinem ITUSA-Highlight zu fragen, ist etwa so, wie mich nach meiner Lieblingskatze zu fragen (unmöglich!). Aber ganz weit vorne war definitiv der Besuch im Voestalpine-Stahlwerk in Donawitz – einem der größten Schienenproduzenten Europas.
Für mich als Vertretung von Stahlarbeitern war das extrem spannend. E tū ist aus mehreren Gewerkschaften zusammengewachsen, unter anderem der Engineers, Printers and Manufacturing Union. New Zealand Steel ist einer unserer historischen Kernbetriebe, wo unsere Mitglieder jeden Tag zusammenhalten.

Ich glaube, ein paar unserer Gastgeber waren leicht überrascht, wie begeistert ich war (und wie viel Detailwissen ich über Elektrolichtbogenöfen und Stahlherstellung am Start hatte). Es ist einfach ein geiles Gefühl, wenn man mit so speziellem Nischenwissen mal so richtig glänzen kann!
Was mich am meisten beeindruckt hat, war die starke Kultur im Betrieb und wie präsent die Gewerkschaft dort ist. Der Betriebsrat hat uns spontan zu seinem Familientag eingeladen. Das war ein wunderschönes Beispiel dafür, wie Gewerkschaften nicht nur Macht im Betrieb aufbauen, sondern auch ein echtes Gemeinschaftsgefühl schaffen, das die Familien mit einbezieht.

Junge Leute und die Zukunft der Bewegung
Ein riesiger Schwerpunkt der ITUSA war die Frage: Wie nehmen wir junge Leute mit und kriegen mehr Nachwuchs in die Gewerkschaften?
Junge Beschäftigte stehen heute vor unsicheren Jobs, Mieten des Grauens und heftigen Lebenshaltungskosten. Viele landen in Befristungen, Gig-Economy oder anderen unsicheren Jobs. Und trotzdem haben viele am Anfang null Ahnung von ihren Rechten am Arbeitsplatz – geschweige denn davon, was Gewerkschaften eigentlich machen und was sie schon alles erkämpft haben.
Eines der coolsten Jugend-Events waren die Jugendsporttage, die von der Österreichischen Gewerkschaftsjugend auf die Beine gestellt wurden. Fast 2.000 junge Leute waren da! Es war ein Ort, um abzuhängen, Spaß zu haben und Gewerkschaft ganz ohne verstaubtes Image kennenzulernen.

Junge Leute müssen lernen, welche Rechte sie haben, und verstehen, dass eine Gewerkschaft nicht bloß ein Dienstleister ist, den man anruft, wenn die Kacke am Dampfen ist. Gewerkschaft ist das, was wir zusammen daraus machen – eine Gemeinschaft für echte Veränderung.
Viele junge Leute kennen Gewerkschaften gar nicht – ich weiß das, weil ich früher genau so war.
Bei meinem ersten Job als Kellnerin hat mir der Chef im Vertrag verboten, mit Kollegen über das Gehalt zu sprechen. Der Gedanke, nach mehr Geld zu fragen, hat mir Riesenangst gemacht, also hab ich's gelassen. Genau wie viele junge Leute damals dachte ich, Arbeitsplatzprobleme seien mein persönliches Pech und keine Sache, die man gemeinsam angehen kann.
Diese Denkweise ist in meiner Generation (Gen Z) immer noch voll drin. Wenn der Job toxisch ist oder mies bezahlt wird, heißt der Standard-Tipp: „Such dir halt was Neues.“ Konzepte wie Quiet Quitting oder Job-Hopping werden als Lösung verkauft. Mag sein, dass das dem Einzelnen kurz hilft – am Grundproblem ändert es gar nix. Es überlässt die miesen Bedingungen einfach dem Nächsten, der den Job annimmt.
Organising geht die Sache anders an. Statt zu fragen, wie ich alleine aus einem Scheiß-Job flüchten kann, fragen wir: Wie können wir uns zusammenschließen, um den Laden besser zu machen? Das bekämpft die Ursachen, statt nur drum herumzutanzen. Genau deshalb ist es so wichtig, junge Leute wieder ins Boot zu holen.

Aber Mitmachen ist nur die halbe Miete. Wir müssen auch lernen, unsere Story besser zu verkaufen.
Fast jedes Recht, das wir heute für selbstverständlich halten, wurde von Arbeitern hart erkämpft. Das Wochenende. Bezahlter Urlaub. Lohn fortzahlen bei Krankheit. Elternzeit. Arbeitsschutz. Nix davon gab es geschenkt. Alles musste erstritten werden.
Wenn die nächste Generation diese Rechte verteidigen soll, muss sie erst mal wissen, wo sie herkommen – und wie schnell sie wieder weg sein können. Die Zukunft der Arbeiterbewegung steht und fällt damit, ob wir in junge Leute investieren und dafür sorgen, dass sie sich nicht nur als Erben alter Kämpfe sehen, sondern als diejenigen, die die Geschichten von morgen schreiben.

Österreich und den Philippinen etwas bewegen.
Blick nach vorne
Die ITUSA hat mir noch mal klar gemacht: Egal ob Organisator, Vertrauensmann, Kampagnenleiter oder Anwältin – wir ziehen alle am selben Strang, um den Arbeitnehmern Macht zu verschaffen. Für mich als Anwältin heißt das: Das Gesetz ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug von vielen, um gemeinsam Siege einzufahren. Wenn ich sehe, was Gewerkschafter in anderen Teilen der Welt dafür riskieren, erfüllt mich das mit einer tiefen Demut und Verantwortung.
Die ITUSA hat mich aber auch daran erinnert, wie wichtig gemeinsame Freude ist. In einer Bewegung, die oft aus harten Kämpfen besteht, ist Freude eine Form von Widerstand. Sie hält uns in schweren Zeiten aufrecht und erinnert uns daran, wofür wir kämpfen: für eine bessere, freiere und fröhlichere Welt. Ich werde mich noch ewig an die Gespräche beim Essen erinnern, an unser spontanes Solidarity Forever-Singen in Zügen und Restaurants und an die Freundschaften fürs Leben.
Es liegt noch verdammt viel Arbeit vor uns, aber auch eine riesige Chance. Ich habe Österreich mit einem extrem guten Gefühl verlassen, mit noch mehr Bock, meinen Teil beizutragen – und mit dem Wissen, dass wir damit definitiv nicht alleine sind.
Überall auf der Welt organisieren sich Menschen, wehren sich und holen sich ihre Macht zurück. Ihre Kämpfe geben uns Kraft – genau wie unsere ihnen.
Manche Erfahrungen begleiten dich für immer. Die ITUSA war genau so ein Geschenk. Makibaka, huwag matakot! (Macht mit beim Kampf, habt keine Angst!) Ake ake ake! (Auf ewig!)

Nina arbeitet als Juristin für E tū, Neuseelands größte Gewerkschaft im privaten Sektor. Sie berät und vertritt Arbeitnehmer in kniffligen Fällen und ist regelmäßig bei Schlichtungen und vor Gericht unterwegs. Außerdem leitet sie das rechtliche Schulungsprogramm der Gewerkschaft.Neben ihrer juristischen Arbeit ist Nina erfahrene Aktivistin für Migrationsgerechtigkeit und Gleichberechtigung. Vor ihrer Anwaltstätigkeit hat sie PR und Kampagnen im Gemeinnützigkeitssektor gerockt. Nina war außerdem im Vorstand des National Council of Women of New Zealand, hat Gastvorlesungen an der Uni Auckland gehalten, vor den Vereinten Nationen gesprochen und gibt regelmäßig Medienkommentare zu Gleichberechtigung, Migration und Menschenrechten. 2023 war sie Halbfinalistin als Young New Zealander of the Year und stand auf der Y25- sowie der „25 to watch“-Liste der Asia New Zealand Foundation.
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