Am 5. und 6. März 2026 fand in Maribor (Slowenien) das zweite Branchentreffen des Projekts „JustWork“statt, das sich unter anderem dem Thema „Workplace Democracy“ widmete. Gewerkschafter:innen und Betriebsrät:innen aus der chemischen Industrie in Österreich und Slowenien kamen zu einem zweitägigen Austausch zusammen, umaktuelle Arbeitsbedingungen und Erfahrungen mit der gelebten Mitbestimmung zubesprechen. Für die österreichischen Kolleg:innen war insbesondere der direkteAustausch vor Ort von großem Interesse. Dabei erhielten sie wertvolle Einblickein die allgemeine Branchensituation in Slowenien sowie in die praktische Arbeitdes Betriebsrats bei Geberit.

Gelebte Workplace Democracy bei Geberit

Vor dem Besuch der Betriebsstätte von Geberit informierte die Branchengewerkschaft KNG die Teilnehmer:innen über die aktuelle Lage der slowenischen Chemie-Industrie. Dabei wurden zentrale Kennzahlen vermittelt: Insgesamt gibt es in Slowenien 264 Unternehmen in der Branche, darunter acht Groß- und 18 Mittelbetriebe. Die Industrie beschäftigt 7.003 Arbeitnehmer:innen, davon 4.118 in großen und 1.931in mittleren Unternehmen. Der durchschnittliche Bruttolohn betrug im Dezember2025 rund 3.267 €. Ein besonders wichtiger Punkt: Seit 2019 gibt es in Slowenien keine branchenspezifischen Kollektivvertragsverhandlungen mehr. Obwohl die Verhandlungen für den umgewandelten Kollektivvertrag ganze fünf Jahre in Anspruch genommen hatten, weigerte sich die Arbeitgeberseite am Ende, das fertig ausgehandelte Ergebnis zu unterschreiben. Infolgedessen hat sich der soziale Dialog fast vollständig auf die Betriebsebene verlagert.

Als Best-Practice-Beispiel wurde das Unternehmen Geberit vorgestellt, das großen Wert auf die soziale Dimension im Betrieb legt. Es bietet faire Löhne, ausgewogene Arbeitszeiten sowie umfassenden Arbeits- und Gesundheitsschutz. Darüber hinaus werden die Mitarbeiter:innen in jeder Phase ihres Berufslebensindividuell gefördert, um ihre Fähigkeiten zu entfalten und ihre persönliche Entwicklung zu unterstützen. Um eine Überwachung und unnötige Kontrolle der Beschäftigten zu vermeiden, verzichtet der Betrieb bewusst auf Videokameras. Aus demselben Grund wurde in der Werkshalle das bewährte Kanban-Systembeibehalten, anstatt auf ein digitales QR-Code-System umzustellen.

Im Rahmen der Betriebsführung wurde deutlich, dass Geberit die kontinuierliche Einbindung der Beschäftigten in Entscheidungsprozesse als zentral erachtet – insbesondere bei Modernisierungsmaßnahmen sowie bei ökologischen und produktionsbezogenen Veränderungen. Mitarbeitende haben die Möglichkeit, über eine „Suggestion Box“ aktiv Ideen und Verbesserungsvorschläge einzubringen. Erfolgreiche Vorschläge, die zu Einsparungen oder Optimierungen führen, werden auch finanziell honoriert. Darüber hinaus besteht die Option, Beschwerden und Anregungen über einen separaten Briefkasten anonym an den Betriebsrat zu richten. Entscheidend für den Erfolg dieser Maßnahmen ist, dass die Führungskräfte eine Kultur der Offenheit vorleben und den Beschäftigten den notwendigen Raum geben, ihre Perspektiven einzubringen.

Netzwerk gestärkt

Im weiteren Verlauf des Austauschs rückten zusätzliche Kernthemen in den Mittelpunkt: Fachkräftesicherung, Schichtmodelle und Outsourcing prägten die intensiven Diskussionen. Dabei ging es stets darum, praxisnahe Ansätze zur Stärkung der Arbeitnehmermitbestimmung zu erarbeiten. Am Ende des Treffens verständigten sich die Vertreter:innen beider Länder auf gemeinsame Prioritäten und definierten die nächsten Etappen ihrer Kooperation.

Das Branchentreffen verdeutlicht die große Bedeutung des internationalen Austauschs für eine wirksame Arbeitnehmer:innenvertretung. Gleichzeitig zeigt es, wie durchgegenseitiges Lernen nachhaltige Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in der Praxis erreicht werden können.