Am 20. und 21. April trafen sich Gewerkschafter:innen und Eisenbahner:innen aus Österreich und Ungarn in Wien, um sich über Demokratie am Arbeitsplatz auszutauschen. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie Mitbestimmung im Alltag tatsächlich funktioniert – und wie Beschäftigte über Ländergrenzen hinweg voneinander lernen können.
Zu Beginn des Treffens stand ein intensiver Austausch über aktuelle Entwicklungen in Ungarn. Diese wurden von den Teilnehmer:innen grundsätzlich positiv bewertet, jedoch auch mit einer gewissen Vorsicht betrachtet. Gleichzeitig wurde deutlich, dass der grenzüberschreitende Dialog zwischen den Gewerkschaften weiter gestärkt werden soll, um Entwicklungen besser einordnen und gemeinsam begleiten zu können.
Ein zentraler Bestandteil des ersten Tages war das von der Europäischen Union geförderte Projekt „JustWork“ – die ungarischen Kolleg:innen erhielten ein Update über den aktuellen Stand und die bisherigen Fortschritte des Projekts. Ergänzend dazu gab es eine Einführung in die österreichische Gewerkschaftslandschaft – ein wichtiger Schritt, um Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten besser zu verstehen.
Gemeinsame Herausforderungen in Österreich und Ungarn
Im weiteren Verlauf wurde deutlich, dass beide Länder mit ähnlichen strukturellen Themen konfrontiert sind. Ein Schwerpunkt der Diskussion lag auf der Investitionspolitik der Eisenbahnunternehmen. Dabei wurde von beiden Seiten kritisch angemerkt, dass in der Vergangenheit wirtschaftliche Entscheidungen getroffen wurden, die langfristige Auswirkungen auf den Betrieb haben. Besonders im Fokus stand dabei die Frage, wie öffentliche Infrastruktur nachhaltig gesichert und weiterentwickelt werden kann.
Auch das Thema Personalentwicklung spielte eine wichtige Rolle. Die ungarischen Kolleg:innen interessierten sich besonders für das österreichische System der Schwerarbeitspension. Dabei wurde deutlich, dass dieses Thema in Österreich seit Jahren intensiv diskutiert wird und unterschiedliche Sichtweisen existieren, insbesondere im Hinblick auf die Bewertung verschiedener Tätigkeiten im Arbeitsalltag.
Vorzeigeprojekt der ungarischen und österreichischen Bundesbahnen
Neben diesen Herausforderungen gab es aber auch positive Beispiele. Ein gemeinsames Projekt der MÁV und ÖBB zeigt, wie Mitbestimmung konkret funktionieren kann. Ziel war es, die Bahnverbindung zwischen Wien und Budapest attraktiver zu gestalten. Dabei wurden Maßnahmen umgesetzt, die direkt aus der Praxis der Beschäftigten heraus entwickelt wurden.
Ein sichtbares Ergebnis ist die Fahrplanoptimierung: Die Auflassung des früherne Halts im Grenzbahnhof Hegyeshalom. Durch moderne Loksysteme und den Wegfall von Grenzkontrollen ist dieser Stopp nicht mehr notwendig. Stattdessen wurde ein kurzer Aufenthalt in Győr - einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, eingeplant. Diese Anpassung spart Zeit und verbessert die Verbindung für Reisende.
Doch das Projekt geht über technische Verbesserungen hinaus. Es zeigt auch, wie sich die Zusammenarbeit der Beschäftigten verändert. Lokführer:innen arbeiten zunehmend grenzüberschreitend und sprechen sowohl Deutsch als auch Ungarisch und haben eine gemeinsame digitale Austauschgruppe, die ursprünglich für den informellen Austausch eingerichtet wurde. Mittlerweile wird sie aktiv genutzt, um arbeitsrelevante Themen zu besprechen – vonbetrieblichen Herausforderungen bis hin zu Fragen rund um Vorschriften und Abläufe in beiden Ländern. Diese Entwicklung zeigt, wie aus informellen Strukturen konkrete Formen der Mitbestimmung und Zusammenarbeit entstehen können.
Einblicke in den modernen Bahnalltag im Betriebsführungszentrum
Zum Abschluss des Treffens besuchte die Delegation das Betriebsführungszentrum (BFZ) in Wien-Stadlau. Dort erhielten die Teilnehmer:inneneinen Einblick in die moderne Steuerung des Bahnverkehrs. Rund 3.700 Züge werden hier täglich zentral überwacht und koordiniert. Dabei wird deutlich, wie stark sich der Bahnsektor durch Digitalisierung verändert hat.
Gleichzeitig wurde betont, dass trotz technischer Automatisierung der Mensch weiterhin eine zentrale Rolle spielt. Die Mehrheit der rund 420 Beschäftigten im BFZ sind Fahrdienstleiter:innen, die den Zugverkehr überwachen und im Bedarfsfall eingreifen. Die Technologie unterstützt dabei die Arbeit, ersetzt aber nicht die Verantwortung und Entscheidungsfähigkeit der Mitarbeitenden.
Das Treffen in Wien hat insgesamt gezeigt, dass Mitbestimmung am Arbeitsplatz viele Ebenen hat – von strategischen Projekten über internationale Zusammenarbeit bis hin zum täglichen Austausch zwischen Kolleg:innen. Besonders deutlich wurde, dass Demokratie in der Arbeitswelt nicht abstrakt bleibt, sondern im konkreten Handeln der Beschäftigten sichtbar wird. Der grenzüberschreitende Dialog zwischen Österreich und Ungarn trägt dazu bei, gemeinsame Lösungen zu entwickeln und die Zukunft des Bahnverkehrs aktiv mitzugestalten.

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